Grenzwanderungen im winterlichen Urwald

Mitte Februar 2013 sitze ich im Flugzeug nach Warschau – ich war noch nie in Polen – und mache mir, jetzt wo es kein Zurück mehr gibt, Gedanken, ob mein Entscheid, eine Woche in Polen zu verbringen, richtig war. Und ob er richtig war!
Magda, Kasia’s Schwester, holt mich am Flughafen ab. Wir fahren im Auto Richtung Bialystok. Es ist dunkle Nacht, als wir im Dörfchen Pasieki in der „Villa Wisent“ gegen 19 Uhr ankommen. Hier ist also „mein Zuhause“ für die nächsten Tage.
Manfred und Kasia kochen das Abendessen – lecker gefüllte Teigmuscheln.
Die Räume in der „Villa Wisent“ ziehen mich sofort in ihren Bann – sie strahlen eine wohlige Wärme und Gemütlichkeit aus, man spürt den Geist der Gastgeber.

Jeden Morgen geht’s nach dem Frühstück auf die Pirsch. Kasia und Manfred fahren mit mir in die Wälder. An einigen Tagen ist Wojtek mein Begleiter.
Die Landschaft ist flach, unendlich flach, und die Wälder sind gross, unendlich gross.
Ich bin gespannt, ob wir Wisente zu Gesicht bekommen. Wojtek führt mich zu einer Futterstelle – tatsächlich sind einige Tiere da. Sie bekommen uns schnell „in die Nase“ und trotten langsam in unsere Richtung. Ich bekomme Angst – wir ziehen uns zurück!

Jeden Tag sehen wir Tiere oder deren Spuren im Wald. Durch’s Fernrohr beobachten wir den Schwarzspecht, den Weissrückenspecht, dann tauchen wieder Wisente auf – diesmal ist meine Angst dem Respekt und dem Staunen gewichen. Wir kommen zu einer Stelle, wo die Biber „ganze Arbeit“ geleistet haben; die abgestorbenen Bäume erfüllen jedoch für andere Lebewesen ihren Zweck, es gelangt mehr Licht durch den Wald, neues Leben entsteht. Einmal begegnen wir ein paar Wildschweinen im Wald.
Ich bekomme aber auch kulturelle Spuren der Vergangenheit zu sehen: einen jüdischen Friedhof im Dorf Narevka und tief im Wald einen protestantischen Friedhof. Der Besuch in der orthodoxen Messe ist ein spezielles Erlebnis.

Nach der Nachmittagsruhe in der warmen „Villa Wisent“ sitzen Kasia und ich jeweils am Kaminfeuer und sprechen über die Geschichte dieser Region, das Zusammenleben der jüdischen und russisch-orthodoxen Bevölkerung, die Geschichte Polens – bis Manfred das Nachtessen aufträgt….
Manfred ist ein phantastischer Koch, und man spürt, dass er mit Freude tolle Kreationen auf den Tisch zaubert. Ihm und Kasia gebühren sämtliche Punkte und Sterne von Michelin und Gault Millau für ihre wunderbare Gastfreundschaft, ihr Wissen und Können!

Wieder zu Hause, spüre ich, dass diese Tage in Polen Spuren in mir hinterlassen haben. Noch fühle ich die unendlichen Weiten dieser Winterlandschaft und die bis ins Innerste wirkende tiefe Stille der verschneiten Wälder – ich wünsche mir, Stille und Ruhe des polnischen Winters wieder zu erleben und dabei auch Neues über Polen und seine Geschichte zu erfahren.;-)

Ursula Martinez