Lemberg und Umgebung, April/Mai 2013

Gerne gebe ich spontan ein kleines feedback meiner Visite in Lemberg ab.
Ab Zürich erlebte ich einen Flug der Superlative. Das Hochdruckwetter erlaubte eine einmalige Sicht auf die Alpen. Dazu kam ein kompetenter Flugkapitän der „Austrian“, welcher nebst vielen Informationen eine leichte Kurskorrektur vornahm, damit möglichst viele Fluggäste etwas mehr von der Landschaft mitbekamen.
Einfacher als gedacht gestaltete sich die Einreise. Im Flughafen fanden sich viele Uniformierte ein, um die ankommenden Passagiere effizient durch die Passkontrolle zu lotsen.
Bereits am ersten Abend fand ich mich gut zu recht im Stadtkern und spazierte in die Gegend um den Iwan Franko Park. Dort kehrte ich zufälligerweise auf der Terrasse des Restaurants Kupol ein. Das originelle Interieur sah ich leider nur ganz kurz, da sich dort eine geschlossene Gesellschaft aufhielt.
Die zwei Tage Einführung in die Stadt Lviv waren total spannend und ich hätte Juri Durkot noch lange zuhören können. Es gab so viele Dinge die er beim Gang durch die Stadt mit irgend einem Ereignis verknüpfen konnte. Der Blick schweifte weit in die Vergangenheit, um dann plötzlich total in der Gegenwart zu landen. Etwa dann, wenn das spürbare Unverständnis bei einer lieblosen Sanierung eines alten Hauses mit wunderbarer Bausubstanz bei ihm hochkam. Am zweiten Tag fuhren wir mit seinem PW auch in Gebiete ausserhalb des Zentrums. Je nach Quartier hatte ich manchmal den Eindruck, dass ich in Wien, Paris oder dann wieder im Prag kurz nach der Wende sei. Vereinzelte Ecken oder Häuser erinnerten mich dann aber auch an die Sowjetzeit.

Die Abende verbrachte ich immer für mich. Die meisten liess ich mit einem feinen Nachtessen auf einer der zahlreichen Terrassen ausklingen. Mir behagte die eher gemächliche Art wie die Menschen durch die Gassen schlenderten und miteinander sprachen. Je länger mein Aufenthalt dauerte, je mehr zeigten sich auch Künstler aller Art in den Gassen. Die Stadt hat durchaus südländisches Flair; in mir tauchten eher Bilder aus Spanien denn aus der Schweiz auf.
Ganz positiv überrascht hat mich das kulinarische Angebot; ich ass schon lange nicht mehr sooo viel Kuchen wie in Lemberg, aber auch die hausgemachten Teigwaren im Florencia mundeten ausgezeichnet. Ich bevorzugte stets ruhigere Lokale, etwas abseits der wachsenden Touristenpfade; denn zwischen Palmsonntag und den Ostertagen besuchten viele Besucher aus Polen und der übrigen Ukraine die Stadt.

Auch die Tage auswärts waren vollgefüllt und dauerten länger als geplant. Wir kehrten meist zwischen 18.00 Uhr und 19.00 Uhr zurück. Eindrücklich am Palmsonntag unterwegs nach Drohobytch die vielen Menschen auf ihrem Kirchgang zu sehen. Ueberall standen die Leute mit ihren Palmzweigen draussen vor der Kirche. Ein Bekannter eines Freundes von Ostap führte uns durch das Städtchen, bevor wir die Gelegenheit hatten, den kleinen Museumsraum für Bruno Schulz zu besuchen. Wir wurden dort von Leonid Godberg begleitet und ich konnte mich mit ihm direkt in französischer Sprache unterhalten. Ich war beeindruckt wieviele Uebersetzungen es von einem Teil seiner Werke gibt. Nach dem Besuch in seiner Heimatstadt macht es mich an, gelegentlich mal die Lektüre eines seiner Bücher in Angriff zu nehmen. Ein Freund von Ostap empfing uns gut dokumentiert über die Geschichte der Oelförderung in der Gegend von Boryslaw. Als Nachkommen deutscher Vorfahren besass er noch einige Deutschkenntnisse. Gelegentlich wirken diese Installationen bizarr in ihre Umgebung hinein, etwa im Stadtpark, wo sich an jenem Palmsonntag viele festlich gekleidete Leute nach ihrem Kirchgang erholten und mit ihren Kindern spielten.
Unterwegs lernte ich Teile der Landschaft kennen. Grosses Erstaunen bei mir über so viele Pferde und Wagen; es war wie es meine Grosseltern noch kannten. Die Dörfer schienen mir oft überaltert zu sein; viele Bewohner gingen am Stock. Wunderbar war der Besuch der Klosteranlage Krechiw. Die ganze Umgebung wirkt dort sehr gepflegt, die Spazierpfade in den nahen Wald sind gut beschildert. An einer schönen Quelle kann man sich erlaben; welch ein Genuss. Es scheint, dass private Initiative hier viel bewirken kann, vermutlich verbunden mit einer guten Finanzierung.

Programmgemäss besuchten wir am Tag der Schlösser Olesko, Pidhirzi und Solotschiw. Auch diese Besuche bleiben mir in bester Erinnerung; überrascht hat mich besonders die orientalischen Ausstellungsgegenstände im Schloss Solotschiw. Unerwartet auch die Thematik welche rund um die Königskrone betreffend diverser Orden dargestellt ist, wie etwa die Templer. Im Schloss Olesko genehmigten wir uns im stimmungsvollen Keller noch einen Imbiss.
Als ich am Abreisetag einen Abschiedsspaziergang machte, war ich in einer etwas wehmütigen Stimmung. Jetzt sollte ich die Stadt verlassen, wo ich langsam begann sie kennen zu lernen und etwas zu verstehen. Ich tröstete mich bei Kaffee und Kuchen im Café Veronika und kaufte noch etwas Schokolade für zu Hause.
Dies einige kleine Schilderungen eines sehr angenehmen Aufenthaltes bei schönem warmen Wetter. Zum Glück hatte ich genügend Sommerkleider mit mir ! Seither blieben diese im Schrank liegen. Sehr beeindruckend für mich war die zeitliche Disponibilität von Juri, Ostap und Oksana. Auch im Hotel und den besuchten Lokalen erlebte ich vorwiegend freundliche, aufmerksame Menschen. Es lohnte sich wirklich dieses hier noch immer vergessene Stück Europas kennen zu lernen.

Werner Müller