Wisent Reisen - Polen verstehen
Warum ich (k)eine Feministin bin

Von Kinga Dunin

Es mag Ende der siebziger Jahre gewesen sein. Oder war es während des Kriegsrechts?
Jedenfalls saß ich mit zwei deutschen Frauen am Küchentisch, deren Art sich zu kleiden
ausdrückte: »Wir werden ewig Opposition machen.« Übrigens erzählte mir später jemand,
dass eine von ihnen Verbindungen zur Baader-Meinhof-Gruppe gehabt habe, aber vielleicht
war das auch nur so ein Gerücht. Auf jeden Fall waren die beiden deutschen Frauen in einer
permanenten Protesthaltung begriffen. Sie befanden sich in Polen sozusagen auf Safari, denn
sie waren gekommen, um die hiesige Opposition zu besichtigen. Bei ihnen sei der Aufstand
öde geworden, beklagten sie sich, die 68er Generation sei reich und träge geworden. Bei uns
dagegen, im wilden Osten, könne man wenigstens noch Dissidenten finden, die spezifisch
osteuropäische Variante der Opposition. Unsere Erzählungen über mangelnde Demokratie,
Totalitarismus und Läden, in denen es nur Essig gab, riefen allerdings bei ihnen nur leichten
Skeptizismus hervor. Sie redeten etwas von den Verführungen des Kapitalismus und... Ja, und
damals habe ich wohl zum ersten Mal Feministinnen gesehen. Ihr Bild habe ich noch vor Augen,
aber ihre Worte blieben nicht haften. Die Geschichte von der Diskriminierung der Frauen
sagte mir nichts. Sie hatte für mich nichts mit der Wirklichkeit zu tun, und ich konnte keinerlei
Bezug zu meinem eigenen Leben erkennen. (Wenn ich mir heute verschiedene Ereignisse der
Vergangenheit in Erinnerung rufe, muss ich ihnen Recht geben.)

Ich habe mir dieses Erlebnis gut gemerkt und später noch öfter daran zurückdenken müssen,
wann immer ich auf eine Wand aus absolutem Unverständnis stieß, wenn ich selbst versuchte
über Dinge dieser Art zu reden. Feminismus galt nicht nur damals in Polen als etwas aus einer
anderen Welt, sondern diese Auffassung hält sich bis heute.
Doch gerade hier, in einer Zeit, die für uns heute schon Geschichte ist, müssen wir ansetzen.
Zu Zeiten des Kommunismus sehnten wir uns nach dem wahren Polen, einem Polen, das keine
Volksrepublik wäre, sondern »wie vor dem Krieg«. Wir sehnten uns auch nach einem besseren,
bequemeren, reicheren Leben, welches man meistens mit dem Westen verband, aber weniger
mit dem Kapitalismus. Und natürlich wollten wir auch Freiheit und Gerechtigkeit. »Wir«, das
heißt die idealisierte Gesellschaft mit ihrem ideologisierten Alltag, standen auf der einen
Seite und »sie«, das heißt das Regime oder das System, auf der anderen. Besonders die Zeit
der »Solidarność« führte zu einer utopischen Verschmelzung all dieser Träume, ohne für die
Überlegung Raum zu lassen, dass all die von uns geforderten Werte sich niemals zu einem
Zopf flechten lassen würden.Die religiösen und nationalen Symbole, die uns im Kampf mit
dem autoritären Systemvereinten, waren gemeinschaftliches Eigentum, und man hat sich
nicht gefragt, was sein würde, wenn die religiösen Überzeugungen zu einem Bestandteil
des Staatsrechts werden würden. Man liebte den Papst, aber aus freien Stücken,
und es hatte nichts mit gesetzlicher oder symbolischer Gewalt zu tun.
Das Prinzip der Demokratie erschien uns wie ein ausreichender Garant.
jeglicher geforderter Freiheiten. Wir waren naiv, oder ich war es wenigstens.

1989 prallten diese Träume mit der Wirklichkeit zusammen, die in vielerlei Hinsicht besser
war als das Gewesene, uns aber wiederum mit neuen Problemen und Fragen konfrontierte.
Einen entscheidenden Moment des Rückschritts bedeutete für mich die Änderung des Abtrei-
bungsgesetzes. Ich erinnere mich noch an meine Reaktion, als ich davon zum ersten Mal hörte.
»Prima«, sagte ich, »jetzt kriegen wir also in Polen den Feminismus.« Das in die »Kommune«
und in die »Solidarnosc« aufgeteilte Polen war im Grunde eine langweilige Angelegenheit. Bei
dem Wort Feminismus dachte ich also an die verschiedensten intellektuellen Strömungen
und Standpunkte, an gesellschaftliche Bewegungen und auch an gewisse Wunderlichkeiten,
die ich im Fahrwasser der neuen Freiheit erwartete.
Man muss sich einfach klar machen, dass wir dank des neuen Gesetzes – in einem Land, das
soeben seine Freiheit wiedergewonnen hatte – eine Freiheit verloren, die den Frauen meiner
Generation als etwas Selbstverständliches erschienen war.
Der bis heute andauernde Kampf um das Abtreibungsgesetz hat mich einige Dinge gelehrt.
Was bisher nur Theorie gewesen war, durfte ich am eigenen Leib erfahren und erleben.
Erstens ist deutlich geworden, dass die Abschaffung der Zensur noch lange nicht die völlige
Freiheit des öffentlichen Diskurses bedeutet. Zweitens hat sich gezeigt, dass das nicht
unbedingt mit der Gesetzgebung zusammenhängt. Als Soziologin habe ich mit großem
Interesse beobachten und erforschen können, wie sich unter bestimmten Bedingungen die
Sprache verändert und wie es gewisse Ansichten zu allgemeinem Ansehen bringen, während
andere als radikal und verrückt bezeichnet werden. Ich habe beobachtet, wie der Kampf um
die Abtreibung im Grunde zu einem Kampf um die Sprache wird, derer wir uns bedienen.
Wie der »Fötus« zum »empfangenen Kinde« wird und wie sich in dem Meinungsstreit eine so
genannte »moralische Mehrheit« formiert.

Als Soziologin beobachtete ich alles mit Interesse, als Bürgerin und Mitglied der Gesellschaft
erlebte ich hautnah die Folgen einer weltanschaulichen Polarisierung. Ich gehörte jetzt nicht
mehr zur richtigen Seite, zur unterdrückten »Wir«-Seite, sondern mir war nun die Rolle der
»Anderen« zugefallen, der Feministin, der Verrückten, der Mörderin ungeborener Kinder, ei-
ner Volksfeindin. Außerdem – so erfuhr ich – war ich eine Lesbe und Jüdin. Die mythologische
Gesellschaft oder eigentlich schon das neugeborene Volk hat zwar seine utopischen Über-
zeugungen von Homogenität und Einheit bewahrt, aber verschiedene Fremdkörper wurden
bereits abgestoßen. Es wurde deutlich, wie wenig in Polen das Bewusstsein darüber verbreitet
ist, dass der Staat das Eigentum vieler Menschen mit den verschiedensten Anschauungen
und Identitäten ist. Obwohl die öffentliche Meinung zum Thema Abtreibung schon seit Jahren
in zwei etwa gleich große Lager geteilt ist, wurde das Gesetz auf eine antiliberale Weise
ausgestaltet, und keine politische Kraft in Polen konnte und kann etwas daran ändern. Warum?
Das politische Spektrum in Polen hat sich nach rechts verschoben. Es gibt bei uns den
rechten Flügel einerseits und andererseits eine Art pragmatisches Zentrum, das den Markt
zum Dogma erklärt. Gott oder Markt, so heißen tatsächlich unsere Wahlmöglichkeiten.
»Markt« bedeutet Wirtschaftsorientierung und Modernisierung. Europa. »Gott« steht für
die Werte, über die allein die katholische Kirche und die politische Rechte herrschen. Aus
historischen Gründen führen die postkommunistischen Gruppierungen, die den linken Flügel
hätten einnehmen können, keinerlei weltanschauliche Debatten. Um sich zu legitimieren und
die Spuren ihrer Vergangenheit zu verwischen, vermeiden sie alles, was sie außerhalb des
Konsenses stellen könnte, der unter anderem beinhaltet, dass die polnische Gesellschaft
katholisch ist und man das zu berücksichtigen habe.

Dieses Übermaß an Gemeinschaftsdenken macht es schwer, die einfachsten Grundsätze
eines liberalen Staates zu artikulieren. Wer Abtreibung bestraft, zwingt seine Weltanschauung
anderen auf, und wer für die freie Entscheidung plädiert, lässt das Nebeneinanderexistieren
entgegengesetzter Standpunkte zu: Diese schlichte Wahrheit ist hier immer noch schwer
begreiflich zu machen. Ebenso müsste man doch darin einig sein, dass Demokratie ein System
ist, das Minderheiten schützen und nicht etwa die Postulate der Mehrheit verwirklichen soll.
Wenn also der Streit über die Abtreibung derartige moralische Ausmaße annimmt und die
Emotionen so stark aufwallen, dass wir nicht mehr sachlich darüber diskutieren können,
müssen wir zwangsläufig einige weitere Schritte tun. Zum Beispiel müssen wir uns über die
Stellung der Frauen in der Gesellschaft Gedanken machen. Wir müssen für das Recht der
Frauen eintreten, selbst darüber zu entscheiden, wie viele und wann sie Kinder wünschen.
Daraus folgt, dass eine Frau das Recht haben muss, noch etwas anderes zu sein als Ehefrau
oder Mutter, das heißt, dass sie ihren Lebensweg selbst bestimmen darf. Aber dieser Weg
verläuft ohnehin in den begrenzten Bahnen der gesellschaftlichen Möglichkeiten. Ähnlich wie
im Falle des öffentlichen Diskurses, der allein durch das Fehlen der Zensur nicht wirklich
pluralistisch werden kann, sieht man hier deutlich, dass die freie Wahlmöglichkeit den Frauen
nicht automatisch Chancengleichheit beschert.

Obwohl ich durch die Pforte mit der Aufschrift »Liberalismus, Recht und Freiheit« zum
Feminismus gelangt war, stand ich dennoch vor weiteren Fragen.
Was ist denn eigentlich Feminismus? Die Überzeugung, dass es Ungleichheiten zwischen
Männern und Frauen gibt, die nicht gerecht sind und deshalb geändert werden müssen. Aus
den verschiedensten Gründen eignen sich hierfür am besten (oder auch nicht) die kulturellen
Ungleichheiten. Die allgegenwärtigen Stereotypen, die den Frauen zugeschriebenen Rollen
und Attribute waren das erste, was mich am Feminismus langweilte. Sofern wir bereit
sind, Augen und Ohren zu öffnen, begegnen wir ihnen überall. Wenn ich also schon eine
Feministin bin, kann ich diese Stereotypen natürlich nicht einfach übersehen, aber auch der
berühmte Fingerzeig auf Dinge, die für jeden offensichtlich sind, nutzt sich schnell ab. Die
am schwierigsten zu vermittelnde feministische Wahrheit ist, dass in der patriarchalischen
Kultur das Frausein an sich geringer geschätzt wird als das Mannsein. Ein tiefer und
fundamentaler Grundsatz unserer Kultur ist der Androzentrismus, denn als universelles
Muster für die Menschheit gilt der Mann. Gewisse feministische Thesen sind schließlich in
den öffentlichen Diskurs gelangt, z.B. die Feststellung, dass Frauen ökonomisch benachteiligt
sind, dass sie weniger Freizeit haben oder dass sie nicht ausreichend in Führungspositionen
vertreten sind. Das mussten sowohl rechte als auch linke Parteien anerkennen. Allerdings
herrscht hier die Überzeugung, dass man diese Ungleichheiten symptomatisch behandeln
könne, ohne an den kulturellen Grundfesten zu rütteln. Eine tiefergehende Reflexion über
die weibliche Erfahrungswelt wird vermieden. Die These, dass unsere Welt immer noch
nach männlichen Maßstäben aufgebaut ist, ist weder neu noch unbekannt, aber wer sie in
Polen vertritt, steht auf der Seite der Verrückten und Ideologen, ja wird für gewöhnlich
aus der legitimierten Diskussion ausgeschlossen. Dabei sind diese am tiefsten und am
geschicktesten verborgenen kulturellen Grundsätze am interessantesten, gleichzeitig aber
wohl für die ihnen unterworfenen Menschen nahezu unsichtbar. Wenn wir den Feminismus
als kritische Kulturphilosophie betrachten, wird es erst richtig interessant, aber haben wir
erst einmal Geschmack daran gefunden, Grundbegriffe zu demontieren, eröffnen sich noch
ganz andere Möglichkeiten. Denn die Kategorien männlich und weiblich sind nicht die einzige
kulturelle Norm, die es wert wäre, überprüft zu werden.

Ähnlich verhält es sich, wenn wir mit unserem Abenteuer Feminismus bei der ökonomischen
Ungleichheit beginnen. Obwohl die geschlechterbedingten Unterschiede offensichtlich sind,
ist nicht zu übersehen, dass die Klassenunterschiede noch größer ausfallen. Es ist schwierig,
sich mit den einen zu befassen und die anderen dabei außer Acht zu lassen. Genauso verhält es
sich mit der politischen Macht und der Frage, wie hier die Frauen repräsentiert sind. Man sollte
sich die Frage stellen, was Repräsentation überhaupt bedeutet und welche Bedingungen ein
repräsentatives demokratisches System eigentlich erfüllen sollte, um diese Bezeichnung zu
verdienen. Dann würde sich sehr schnell herausstellen, dass das, woran unser System krankt,
eine globale Krise der Demokratie ist.

Unabhängig davon, was Feminismus für mich persönlich bedeutet – ich verspüre kein
Bedürfnis, meiner hier vorgestellten Definition noch ausgefeiltere Versionen hinzuzufügen –,
ist Feminismus in Polen zu einer gewissen gesellschaftlichen Größe geworden, auch für seine
Gegner. Eine Feministin zu sein, heißt diesem stigmatisierten Begriff zu unterliegen und
gleichzeitig für alles verantwortlich zu sein, was mit Feminismus in Verbindung gebracht
wird. Wer wie ich eine unverbesserliche Individualistin ist, kann damit Probleme haben.
Allerdings muss ich zugeben, dass man der Identifizierung mit dem weiten Spektrum jener
Erscheinungen, die als »feministisch« gelten, kaum entrinnt. Das ist auch eine Art Falle. Alles,
was man sagt oder tut, wird gleich als »feministisch« interpretiert, und mit anderen Inhalten
kommt man schwer durch. Sogar als ich einen Text über »Kaitus oder Antons Geheimnis«,
mein liebstes Buch seit Kindertagen, schrieb – nahezu harmlos –, konnte ich hinterher in
den Kommentaren eines Internetforums lesen, dass ich schon wieder diesen feministischen
Unsinn verbreite. Es ist schwer, vor den Stimmen des eigenen Volkes zu fliehen, und damit sind
sowohl die gemeint, die mich hassen, als auch jene, die mich lieben. Deshalb ereilt mich häufiger
die Versuchung – der ich auch manchmal erliege – zu sagen, dass ich keine Feministin bin.
Ich bin es deshalb nicht, weil die Probleme dieser Welt sich nicht allein über die Geschlechter-
frage lösen lassen. Außerdem habe ich den Eindruck, dass sich der polnische Feminismus oft
auf eine Kosmetik des Systems konzentriert, anstatt ernsthafter über seine radikale Kritik
nachzudenken. Das betrifft vor allem ökonomische Fragen, während kulturelle Belange durch-
aus sehr eingehend und radikal beleuchtet werden, oft allerdings auf eine sehr hermetische
und akademische Art und Weise.

Ich habe den Eindruck, dass wir, wenn wir uns auf die Diskriminierung der Frauen in der
Arbeitswelt konzentrieren – was tatsächlich ein ernstes Problem darstellt –, gleichzeitig still-
schweigend so tun, als ob die übrigen Ungleichheiten gerecht wären. Meiner Meinung nach
verbirgt sich dahinter im Grunde die das kapitalistische System legitimierende Überzeugung,
dass jeder so viel bekommen soll, wie er sich verdient bzw. erarbeitet hat. Dabei könnte man,
wenn es denn nicht zu umgehen ist, sich eventuell noch um Chancengleichheit bemühen –
damit die Feministinnen zufrieden sind. Würde es also dank vieler Anstrengungen und einer
verbesserten Erziehung gelingen, einen wirklich gleichberechtigten Start zu gewährleisten,
könnte uns dieses System angeblich eine gerechte Verteilung aller Güter entsprechend dem
persönlichen Einsatz garantieren. Ich wage das zu bezweifeln. Der Kapitalismus als solcher
scheint mir ungerecht zu sein, je mehr er auf das Muster des jungen, gesunden, durch eine
Familie nicht allzu sehr belasteten Mannes zugeschnitten ist. Zwar können Frauen mit den
Männern konkurrieren, und Antidiskriminierungsgesetze sollen ihnen das erleichtern, aber
nur unter der Voraussetzung, dass sie die vorgeschriebenen Karrieremodelle und Wertmaß-
stäbe akzeptieren. Gerade diese aber scheinen mir weder für Frauen noch für Männer allzu
angenehm zu sein, besonders wenn sie allgemein verpflichtend werden. Workaholismus, Ma-
terialismus, übersteigerter Individualismus, fehlendes gesellschaftliches Engagement und
Entfremdung sowie ein nur aufs Privatleben beschränkter Ehrgeiz – das sind die Phänomene
der modernen Zivilisation, die meiner Meinung nach weder dem Menschen dienen noch der
Gleichstellung der Geschlechter. Und das alleinige Kultivieren weiblicher Werte, ohne darüber
nachzudenken, unter welchen Bedingungen sie verwirklicht werden könnten, ist entschieden
zu wenig.
Dieses Problem findet seinen Ausdruck ganz besonders in der Erscheinung des Pop-
Feminismus und seiner Kommerzialisierung.
Ohne Zweifel macht sich die bunte Presse ganz besonders durch die Propagierung grundle-
gender emanzipatorischer Vorstellungen verdient. Sie tut dies jedoch auf ihre Art. Durchaus
ernstzunehmende feministische Texte erscheinen hier in den verschiedensten äußerst kon-
servativen Zusammenhängen oder inmitten von Reklame für Parfüm und Unterwäsche.
Der Feminismus der kommerziellen Frauenzeitschriften dient vor allem dem Zweck, aus
Frauen Konsumentinnen zu machen. Dazu müssen diese in Maßen frei sein, über Geld
verfügen und Bedürfnisse haben – konsumptive natürlich. Bei dieser Gelegenheit wird ein
neues Weiblichkeitsmodell geschaffen, das nur scheinbar über neue Freiheiten verfügt,
in Wirklichkeit aber von den Schönheitsstandards und dem Lebensstil der Werbeplakate
abhängig ist. In solchen Zeitschriften und entsprechenden Medien ist heute sogar schon Platz
für erklärte Feministinnen. Sie müssen allerdings jung und hübsch sein und vor allem nach der
neuesten Mode gestylt – halb Vamp, halb Rebellin.

Natürlich müssen wir uns über die Zweideutigkeit dieser Situation im Klaren sein. Einerseits
verleihen der Markt und die liberale Kultur Freiheiten, andererseits schaffen sie neue
Abhängigkeiten, und man muss auch nicht gleich das Kind mit dem Bade ausschütten. Ähnlich
ist es mit den Verdiensten der modernen Demokratie, wenn es um die Verbesserung der
Situation der Frauen geht.

Im rechtsgerichteten Polen wird alles, was mit Feminismus in Verbindung gebracht wird, er-
stickt, wie es auch mit dem Gesetz über die Gleichstellung von Mann und Frau geschehen ist.
Das Fehlen dieses Gesetzes bedeutet die Abschaffung des Amtes für Gleichstellungsfragen,
trotz der EU-Standards. Auch andere Gesetze, die trotz allem im Hinblick auf europäische
Anforderungen beschlossen wurden, werden oft nicht befolgt, und von daher ist ihre Existenz
nicht sehr stark im gesellschaftlichen Bewusstsein verankert. In dieser Situation lohnt es
sich, auch wenn wir uns den reformistischen Charakter dieser Veränderungen vor Augen
halten, immer wieder an sie zu erinnern. Und hier entpuppen sich zum Beispiel die Frauen-
zeitschriften als Bundesgenossen, wenn darin über sexuelle Belästigung und Mobbing oder
über Diskriminierung am Arbeitsplatz berichtet wird, um die Stellung der Frauen in Beruf und
Politik zu fördern. Insbesondere, da man in diesem Bereich nicht auf die Schulen zählen kann.
Heute, ein Vierteljahrhundert nachdem ich zum ersten Mal mit eigenen Augen eine Feministin
gesehen habe, ist der Feminismus in Polen zu einer Selbstverständlichkeit geworden, wenn
auch nicht endgültig akzeptiert. Das wird deutlich an der Häufigkeit, mit der die Leute ihren
Meinungsäußerungen zu den verschiedensten Themen die für gewöhnlich bissige Bemerkung
hinzufügen: »Feministinnen würden an dieser Stelle sagen...«, und anschließend folgen die
üblichen »Beweise« für feministischen Dogmatismus, für pure Nörgelei und Unvernunft. Mich
dagegen freut und amüsiert die Tatsache, dass es im Zuge der Diskussion gelungen ist,
in der Öffentlichkeit das einfache Bewusstsein dessen zu verankern, dass der Feminismus
Kommentare zur Wirklichkeit zu bieten hat und damit das, was bis dato für selbstverständlich
erachtet und nicht diskutiert wurde, in Frage stellt.

Bin ich also eine Feministin oder nicht?
Kürzlich traf ich mich mit zwei deutschen Frauen, die in Polen ein künstlerisch-politisches
Projekt realisieren wollen. Es war deutlich zu erkennen, womit sie sich beschäftigten: mit
Immigranten, mit kultureller Andersartigkeit, mit dem Fremden in unserer Kultur. Auf das
Wort »Feminismus« hin zuckten sie nur leicht mit den Schultern. Was ich damit meine und
worum es dabei gehe? Ich sagte ihnen: »In Polen haben die Frauen kein Recht auf eine
legale Abtreibung.« Aber ich hatte den Eindruck, dass diese Information für sie entweder
gänzlich neu war oder dass sie sie bisher für unwesentlich gehalten hatten. Hier bei uns in
Polen, im Haus nebenan sozusagen, sterben immer noch Frauen bei illegalen Abtreibungen,
aber diese deutschen Frauen lebten schon in einer anderen Welt. Ich bin überzeugt, dass
wir früher oder später auch in jener Welt ankommen werden und ich dann nicht mehr aus
so einfachen und fundamentalen Gründen Feministin sein muss. Wenn ich diese Zeiten noch
erleben sollte, werde ich keine Feministin mehr sein, aber der Feminismus wird dann für
immer ein untrennbarer, integraler Bestandteil meiner Weltanschauung sein.
Als vor Jahren Susan Sontag Polen besuchte, wurde ihr auch die Frage gestellt, ob sie
Feministin sei. Und auch sie zuckte auf diese Frage hin mit den Schultern: »Nun ja, sicher«,
sagte sie, »wie jeder vernünftige Mensch«.

Aus dem Polnischen von Karen Höhling

http://www.deutsches-polen-institut.de/Downloads/ansichten/dunin_jb_2006.pdf


Ferien die tiefer gehen

.Seit 20 Jahren bietet Wisent Natur- und Aktivferien mit Schwerpunkt in Mitteleuropa

Unsere Reisen

Wisent Reisen

Postfach 8114

8036 Zürich

Tel. 043 3332525

email: info@wisent.ch