![]() |
Reisen die tiefer gehen | Anmeldung | Wisent Osteuropafond | Wisent-Startseite Polen verstehen | Kultur und Geschichte | Wir über uns | Literatur und Links| Vertragsbedingungen |
|||||
| Jeszcze, jeszcze* VON ULRICH STOCK | © DIE ZEIT 19.05.2005 Nr.21 Fünf Tage lang Polnisch lernen in Krakau. Geflüstert ist diese Sprache unwiderstehlich Polnisch lernen, in Krakau, eine Woche lang, nur um mal zu sehen, wie’s ist welch eine verrückte Idee! Aber dafür bin ich genau der Richtige: Meine letzte Reise nach Polen liegt Jahrzehnte zurück, und von damals kenne ich bloß das eine Wort, das alle Deutschen damals lernten, weil es Europa veränderte: Solidarnosc. So hieß die Gewerkschaft dieses Danziger Elektrikers Lech Walesa, der in den Nachrichten zwei Jahre lang Walesa ausgesprochen wurde, bis sich jemand fragte, was eigentlich die kleinen Striche an l und e bedeuteten. Von da an hieß er Wawensa. Ein anderer Pole, der in diesem Frühjahr die Welt bewegte, war Papst und einst Kardinal von Krakau. Damit es da auch kein Vertun gibt, heißt der Flughafen nach ihm, ein kleiner, schneller Flughafen; kaum gelandet, trage ich schon meinen Koffer davon und werde von einem älteren Herrn begrüßt, den die Sprachschule geschickt hat. In seinem Wägelchen zuckeln wir über breite Prospekte der Stadt zu, an einer wahren Radarfallenparade vorbei. Im Zentrum deutet mein Fahrer auf Fluss und Burg, dann biegt er ab und hält an einer lärmenden Straße vor einem schäbigen Mietshaus. Hier werde ich wohnen. Mir öffnet ein bärtiger Mann. Er ist noch jung, zeigt aber schon Spuren des Lebens. Über seinen Bauch spannt sich ein grobkariertes Hemd, an seinen Füßen kleben Sandalen. Den alkoholischen Hauch am Sonntagnachmittag weiß ich nicht zu deuten: Kündet er noch vom Abend zuvor, oder weist er schon auf den kommenden hin? Jedenfalls ist das Robert, er spricht etwas Deutsch, von seinem Großvater her. Ich stelle mich als der Untermieter aus Hamburg vor und folge ihm in die dunkle Erdgeschosswohnung. Drei Zimmer, Küche, Bad, ein quadratischer Flur mit monumentaler Sitzgruppe. Robert zeigt mir meine Kammer: rechts eine leere Schrankwand, links ein deckenhohes Regal und ein Sofa, auf dem Tierbettwäsche liegt. Das Laken ziert Kermit, der Frosch; den Bezug bevölkern Schwäne. Sehr schön, sage ich, bloß sei das Sofa für mich viel zu kurz! Kein Problem, meint Robert, an Betten fehle es nicht, und er stößt die Tür zum Nachbarzimmer auf, da steht eine längere Couch mit einer zerwühlten Decke darauf. Wohl durch die Lautstärke unserer Unterhaltung kommt Leben in die Decke, und es schält sich eine junge Frau heraus. Sie ist ziemlich schön, ziemlich unbekleidet und ziemlich klein, weshalb Robert findet, sie könne auf meinem Sofa schlafen und ich auf ihrer Couch. Er redet auf sie ein, sie flüstert zurück, und polnisches Flüstern im Halbschlaf, das klingt schon sehr, sehr gut, selbst wenn man kein Wort versteht. Bevor ich mich diskret auf die Straße zurückziehen könnte, fasse ich schon mit an, und wir rücken schnaufend die Möbel von Zimmer zu Zimmer. Robert stößt gegen das Regal in meiner Kammer, laut knallt die Rückwand zu Boden. Die Staubwolke leistet mir noch Gesellschaft, als ich meinen Koffer auspacke. Später, zu dritt in der Küche, reden wir auf Deutsch und Englisch über das schlechte Bier, den guten Wodka und die vertrackte Sprache. Dass ich mal eben Polnisch lernen will, erheitert meine Mitbewohner. Robert kennt sich mit Sprachen aus, er verdient sein Brot als Fremdenführer, Ela hingegen ist Tänzerin, und sie sind kein Paar, wenn ich es recht verstehe, sondern eine Wohngemeinschaft mit wechselnden Untermietern. Tänzerin im Ballett?, frage ich. Ela lacht herzerfrischend. Im Nachtklub! Deswegen sei sie noch so müde. Sie habe am Abend zuvor erstmals wieder getanzt. Nach dem Tod des Papstes sei der Klub eine Woche lang zugeblieben, ein Akt der Trauer. Von meiner Schrankwand zu meiner Schulbank sind es zwanzig Minuten zu Fuß, über den Fluss und an der Burg vorbei. Jan Pawel II. begleitet mich auf Schritt und Tritt. Ob in den Schaufenstern von Drogerien oder an den Türen von Klempnereien, überall wacht der Papst, sogar in der Auslage eines Autoersatzteilhandels steht er zwischen gebrauchten Lenkrädern. Auf der Ulica Dietla bimmeln Straßenbahnen an meiner Schule vorbei. Sie wirken klapprig, kommen aber in beachtlicher Frequenz und vermitteln einen Eindruck, der sich von Tag zu Tag erhärtet: Polen ist ein armes Land, in dem alles funktioniert. Zweckmäßigkeit zählt mehr als Design. So befindet sich auch die Schule in einem unrenovierten, dabei sympathischen Altbau, der nach Landessitte elektrifiziert ist, im Treppenhaus hängen die Kabel einfach herum. Patrycja und Iwona, meine Lehrerinnen, sind Mitte zwanzig und Mitte dreißig und schöner noch als Ela. Ihr Polnisch ist hinreißend, eine unablässige Folge zarter Zisch-, Wisch- und Tuschlaute. Als ob man Schlagzeug mit den Besen immer nur auf den Becken spielt. Ich hänge an ihren Lippen. Dzien dobry! Nazywam sie Iwona. Jak masz na imie? Oh. Oje. Hm. Es wird ernst und ernster noch, als ich befürchtete, denn mein Kurs besteht allein aus mir, andere Anmeldungen hat es nicht gegeben diese Woche. Zwanzig Stunden lang Schlagzeugsolo nur für mich! Mam na imie Ulrich, antworte ich nach einigen vergeblichen Versuchen. Bald stehen Dutzende nie gehörter Wendungen auf meinen Zetteln. Ich bin erschüttert, wie wenig ich weiß vom Idiom des Nachbarlandes. Aber wissen Sie’s besser? Kleiner Test: Was heißt dlugopis, krzeslo, ksiazka, kurtka, okno, olówek, torba, zegarek? Nun, beim letzten Wort scheint der Fall klar: zegarek , Zigarette, oder? Aber, ach: Kugelschreiber, Stuhl, Buch, Jacke, Fenster, Bleistift, Tasche und Uhr! Es braucht einige Vormittage, bis sich auch nur ein paar dem Deutschen, Englischen, Französischen oder Italienischen ähnliche Wörter in meinem Notizbuch finden: wie faksowac oder smsowac für faxen beziehungsweise simsen, wie fryzjer für den, der die Haare schneidet, oder cytryna für das Saure am Salat, salatka. Das polnische Ypsilon klingt dabei wie ein Mittelding zwischen deutschem e und i. Überhaupt, das Zusammenspiel zwischen Schreibung und Aussprache… Ob sz, cz, dz oder rz alles spielt sich im Konsonantischen ab, um Nuancen verschieden. Immer sind es sch-Laute, mal weich und warm, mal mit einem t-Laut hart oder einem d-Laut sanft angestoßen. Nicht nur die Zunge des Lernenden kommt ins Schleudern, auch jene Zone im Gehirn, welche die ungewohnten Buchstabenkombinationen in Muskelbewegungen umsetzen soll. Manche Vokabeln erweisen sich als wahre Knüller: Szczoteczka do zebów, Zahnbürste! Sprzedawczyni, Verkäuferin! Als Patrycja meine Begeisterung für Unaussprechliches bemerkt, fängt sie an, Zungenbrecher mit mir zu üben: Deszczyk szumi, lisc szeleszcze / Pluszcz deszczyku jeszcze, jeszcze . Das ist ein lautmalerisches Gedicht, etwa des Inhalts: Kleiner Regen, helles Rauschen der Blätter, hör nicht auf, hör nicht auf. Jeden Vormittag gibt es eine Pause. Da treffe ich andere Schüler beim Tee, Fortgeschrittene. Die Lehrerinnen hörten es gern, wenn wir Polnisch sprächen. Aber dazu reicht es bei mir nicht. Zwei, drei Monate lang braucht man, bis das Können die Verzweiflung übertrifft. Die Sprachschüler müssen also sehr motiviert sein, um durchzuhalten. Christoph aus Österreich und Tom aus Simbabwe hat die Liebe hergetrieben. José aus Mexiko ist wegen der Arbeit da. Anders Heidi, die deutsche Anästhesistin aus Kanada, die ihren Lebensabend in Berlin verbringen will und es sich in den Kopf gesetzt hat, noch einmal eine richtig schwere Sprache zu lernen. Polnisch kommt ihr da gerade recht. Der erste Schultag, der zweite, der dritte… Es ist verblüffend, wie mit jeder Stunde das Dickicht der Schrift draußen auf der Straße sich lichtet. Zwar weiß ich immer noch nicht, was die Agencja Nieruchomosci an meinem Schulweg treibt, aber ich kann es schon aussprechen. Und in dem Maße, indem sich die klanglichen und grammatikalischen Strukturen erhellen, schwindet das Unangenehme am Sichfremdfühlen. Warum lernt nicht jeder Deutsche mal ein paar Tage lang Dänisch oder Niederländisch, Tschechisch oder Polnisch? Das Sprachverständnis wächst ungleich schneller als das Sprachvermögen. Jestem dziennikarzem!, antworte ich Iwona auf die Frage nach meinem Beruf. Dziennikarz heißt Journalist, -em ist Instrumental, einer von sieben Fällen im Polnischen. Er kommt zum Einsatz, wenn von besonderen Eigenschaften einer Person die Rede ist. Gegen den Instrumental sträuben sich viele Lernende: Wieso kann ich Journalist, oder was auch immer, nicht im Indikativ sein? Kann ich in anderen Sprachen doch auch! Aber es kommt noch ärger. Der Akkusativ fällt bei männlichen Objekten unterschiedlich aus, je nachdem, ob das Objekt animiert ist oder nicht. Ein Beispiel: Kot ist männlich auf Polnisch, heißt Katze. »Ich habe eine Katze« heißt: Mam kota . Auch dann, frage ich, wenn die Katze tot ist? Ja, sagt Iwona, denn sie habe ja mal gelebt. Zegarek ist männlich auf Polnisch, und Sie wissen noch, was das heißt? Uhr, richtig. »Ich habe eine Uhr« heißt: Mam zegarek, ohne -a. Ja, sagt Iwona, denn sie laufe zwar, aber sie lebe ja nicht!
An den Nachmittagen, wenn keine Zusatzlektion in polnischer Geschichte der Jahre 1000 bis 1300 ansteht, keine simulierte Party im Klassenraum mit Honiglikör, Schmalzbroten und Gesang, dann lasse ich mich durch Krakau treiben. Die Altstadt wirkt, als habe es ein Stück Italien nach Polen verschlagen. Die Piazza heißt Rynek Glówny, Einheimische und Touristen sitzen vor den Cafés, Autos fahren anderswo, es ist so weltoffen und entspannt. Und dies nach allem, was war! Nach den Weltkriegen, nach Auschwitz, nach dem Kommunismus. Ich habe das Gefühl, zu einem Zeitpunkt gekommen zu sein, zu dem all dies nicht vergessen ist, aber überwunden werden kann. An den Abenden zieht es mich an den Fluss. Mountainbiker gleiten an der Weichsel entlang, junge Paare nutzen den Sonnenuntergang für Zungenküsse, über allem thront der Wawel, die Burg Krakaus, ein Schrein polnischer Identität. Und ich sehe den zehn, zwanzig Schachspielern zu, die sich an den Tischen einfinden, um eine Partie nach der anderen zu spielen und zu diskutieren. Zisch!, sagen sie. Und: Wisch! Als ich was sage, gehöre ich gleich dazu, auch wenn mein Polnisch niemand versteht. * »Hör nicht auf, hör nicht auf« |
||||||
![]() |
||||||
|
.Seit 20 Jahren bietet Wisent Natur- und Aktivferien mit Schwerpunkt in Mitteleuropa Wisent Reisen Postfach 8114 8036 Zürich Tel. 043 3332525 email: info@wisent.ch
|
||||||