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| Das Jahr des grossen Exodus von Karol Sauerland Die Ereignisse des Jahres 1968 in Polen ähneln in gewisser Weise den Studentenunruhen im Westen. Die Ähnlichkeit besteht darin, dass auch hier an den Hochschulen gestreikt wurde. Aber die Ursachen der Unruhen waren ganz andere als in den Vereinigten Staaten, Frankreich oder Westdeutschland. Sie begannen damit, dass die Machthaber Mitte Januar 1968 das Verbot der Warschauer Aufführung des Dramas "Die Totenfeier" von Adam Mickiewicz (auch als "Die Ahnen" bekannt) angekündigt hatten; die russlandkritische Tendenz hatte die Inszenierung unter den Studenten zum Kult werden lassen. Ende Januar sollte das Stück das letzte Mal gespielt werden. Im ganzen Lande wurden Unterschriften für eine an den Sejm gerichtete Petition gegen das Aufführungsverbot gesammelt. Allein in Warschau fanden sich mehr als dreitausend Personen, die unterschrieben, in Breslau waren es über tausend. Alle Juden galten als Volksfeinde Zur selben Zeit tauchten zahlreiche Flugblätter antisemitischen Inhalts auf. In ihnen wurde gegen den "übermächtigen Einfluss" von Zionisten und die mit ihnen verbundenen Intellektuellen Stimmung gemacht. So hieß es in einem Flugblatt: Michnik, Blumsztajn und Szlajfer können und werden uns nicht die patriotische Tradition unseres Volkes lehren, was im Klartext hieß: Diese Juden können uns Polen nur in eine Sackgasse führen. Als am 29. Februar der Warschauer Schriftstellerverband zu einer außerordentlichen Versammlung zusammentrat, auf der mehrheitlich eine Resolution gegen die Kulturpolitik der Partei und Regierung verabschiedet wurde, und als kurz darauf Studenten im ganzen Lande diese Politik sowie das brutale Vorgehen der Ordnungskräfte gegen Teilnehmer an der Demonstration auf dem Warschauer Universitätscampus am 8. März verurteilten, leiteten die Machthaber eine antisemitische Kampagne von einem Ausmaß ein, wie sie in einem kommunistisch regierten Land bis dahin unbekannt war. Ich befand mich zu jener Zeit in Ost-Berlin, um Materialien für meine Dissertation über Wilhelm Dilthey zu sammeln. Als ich von den Protesten hörte, wäre ich am liebsten gleich nach Warschau, wo ich Universitätsassistent war, zurückgekehrt, aber die Vorschriften erlaubten es damals nicht, ein staatliches Stipendium zu unterbrechen. Ich hätte kein neues Visum für die Rückkehr nach Berlin erhalten. So musste ich versuchen, durch die Lektüre polnischer Zeitungen, die man im Polnischen Kulturinstitut an der Friedrichstraße gleich vor der Spreebrücke einsehen konnte, zu erfahren, was sich in Polen tat. Ich traute meinen Augen nicht. Da las man plötzlich, dass die Teilnehmer der Protestdemonstration am 8. März aufs Engste mit den "Zionisten, Revisionisten und Trotzkisten" verbunden seien. Immer häufiger wurde auf die jüdische Herkunft der Verhafteten hingewiesen - man sehe es bereits an den Namen: Dajczgewand, Szlajfer, Michnik, dessen Vater Ozjasz Szechter hieß, et cetera. All diese jungen Menschen wurden zugleich als ehemalige Stalinisten beziehungsweise als Kinder von solchen bezeichnet. Kurzum, sie seien Feinde des polnischen Volkes, die jetzt im Streit um die "Totenfeier" nur vorgäben, um die Erhaltung des nationalen Erbes zu kämpfen. Unter den Hetzartikeln befanden sich auch solche, deren Verfasser ich kannte und von denen ich nie angenommen hätte, dass sie zu solchen antisemitischen Äußerungen imstande sein könnten. Aber viel näher ging mir, dass so viele Professoren entlassen wurden, die zum Teil meine Lehrer waren. Andere hatte ich bei ihren Auftritten erlebt. Als ich im Herbst nach Warschau zurückkehrte, hatte Wladyslaw Gomulka, der damalige Erste Parteisekretär, die von ihm selbst angeheizte antisemitische Kampagne Mitte des Jahres stoppen lassen - nachdem Zehntausende Ausreiseanträge gestellt hatten, denen die Machthaber gern nachkamen. Fast alle polnischen Juden, die die Schoa überlebt und nicht gleich nach dem Krieg aus Polen ausgewandert waren, verließen um diese Zeit nach meiner Rückkehr das Land. Der Danziger Bahnhof in Warschau war der Ort, von dem aus sie sich nach Wien begaben, um von dort aus nach Israel, in die Vereinigten Staaten oder auch in die Bundesrepublik weiterzureisen. Man nannte diesen Bahnhof damals den "Umschlagplatz". Gott sei Dank führte er nicht in den Tod, aber so gut wie niemand hatte sich freiwillig zur Ausreise entschlossen. Die meisten empfanden tiefe Trauer, denn sie hatten sich mit allen Kräften für den Wiederaufbau dieses Landes engagiert. Ich war mehrmals auf diesem Bahnhof, um Bekannte zu verabschieden. Unter ihnen befanden sich etwa Roman Karst, ein rühriger Literaturkritiker, Teilnehmer der berühmten Kafka-Konferenz in der Tschechoslowakei, und der Germanist Emil Adler, der sich in Polen um das Andenken von Herder verdient gemacht hatte. Er hatte den Anstoß dazu gegeben, dass in Herders Geburtsort Morungen ein entsprechendes Museum eingerichtet wurde, wenn dies auch erst mehrere Jahre nach seinem Weggang geschah. Die Abschiede verwandelten sich jedes Mal in Demonstrationen und Bekenntnisse, die nicht immer ohne Folgen für diejenigen waren, die blieben. Man besuchte natürlich auch jene, die noch ihre Koffer packten, sofern man sie näher kannte. Ich hatte zu jener Zeit Texte der Philosophen Bronislaw Baczko und Leszek Kolakowski ins Deutsche übersetzt, die bei Suhrkamp und Kohlhammer erscheinen sollten und dann auch erschienen. Beide hatten kurz nach dem 8. März so wie der Soziologe Zygmunt Bauman, der Ökonom Wlodzimierz Brus und andere Hochschullehrer ihre Arbeitsstellen an der Warschauer Universität verloren. Unvergesslich bleibt mir der Besuch bei Kolakowski. Es muss im Oktober gewesen sein. Ich fragte ihn, was er jetzt mache. Er antwortete, er lese Paracelsus, um der Sprache Heideggers auf die Spur zu kommen. Es war keine theatralische Geste, sondern entsprach seinem damaligen Charakter. Er wusste wahrscheinlich, dass die Machthaber eines Tages gegen die Andersgläubigen, damals Revisionisten genannt, gewaltsam vorgehen würden; schließlich hatte er in einem breitangelegten Buch über das Wechselspiel zwischen Häresie und Konfession im siebzehnten Jahrhundert gezeigt, dass der abweichend Denkende, der Dissident, eines Tages aus der Glaubensgemeinschaft ausgestoßen wird. Er ist dann gezwungen, entweder eine neue Konfession zu gründen und um deren Anerkennung zu kämpfen oder das Weite zu suchen. Als Häretiker, Dissident, der nur seine Ansichten zu verteidigen gedenkt, hat er keine Chance, in Ruhe gelassen zu werden. Nach dem Oktober 1956, dem polnischen Herbst, als Gomulka wieder Erster Parteisekretär und als Hoffnungsträger bejubelt wurde, hatte sich in Polen ein blühendes Kulturleben entfaltet, das zwar recht schnell Einschränkungen erfuhr, aber noch viel Freiräume für künstlerische und auch geisteswissenschaftliche Aktivitäten ließ. Ich nahm an mehreren interdisziplinären Seminaren aktiv, also mit eigenen Beiträgen, teil; besuchte private Treffen - man sprach auch von Salons -, bei denen über vorgegebene Themen debattiert wurde, von denen im Westen manche erst später Furore machten. Diese Treffen waren meine eigentlichen Universitäten, hier fühlte ich mich wie der Fisch im Wasser. In einer solchen kreativen Atmosphäre verließ ich Warschau, um meinen Stipendiumaufenthalt anzutreten. Als ich zurückkehrte, waren die Salons geschlossen. An interdisziplinäre Seminare war nicht mehr zu denken. Die Staatssicherheit hätte sofort einige ihrer Teilnehmer zu Verhören geladen. Warschau, ja das ganze Land trocknete geistig aus. Akademische Hetzer Persönlich vergleiche ich den Exodus führender Köpfe und der vielen talentierten jungen Leute (zu ihnen gehörte übrigens auch Jan Tomasz Gross, der mit seinem Buch über Jedwabne und nun mit seiner Studie über den polnischen Nachkriegsantisemitismus für erregte Debatten sorgt) mit dem Jahr 1933 in Deutschland. Ein Leszek Kolakowski mit seinem glänzenden Polnisch war unersetzbar, um nur einen Namen von vielen zu nennen. Und so gut wie keiner von denen, die Polen verlassen hatten, kam nach einundzwanzig Jahren, also 1989, wieder zurück, um seinen verlorenen Posten einzunehmen. Das hätte auch wenig geholfen, denn die sogenannten Märzdozenten, das heißt jene nicht habilitierten Akademiker, die sich an der Hetzkampagne beteiligt hatten, waren nachgerückt und hatten Scharen von entsprechenden Schülern produziert. Auch das Solidarnosc-Jahr konnte die Lücke, die im geistigen Leben Polens entstanden war, nicht schließen, obwohl diejenigen, die 1968 protestiert hatten und geblieben waren, in dieser Zeit äußerst aktiv waren. Unvergesslich sind mir die Tage im März 1981, an denen man versuchte, die Ereignisse dreizehn Jahre zuvor zu rekonstruieren, den Verfolgten Genugtuung zu erweisen. Aber diese Versuche unterbrach General Wojciech Jaruzelski, der 1968 an dem Exodus mitgewirkt hatte, durch die Einführung des sogenannten Kriegszustands. Die Freiheitsbewegung wurde auf diese Weise brutal niedergeschlagen. Nach meinem Empfinden ist die durch den Exodus 1968 entstandene Lücke bis heute nicht geschlossen worden, denn an den Universitäten änderte sich auch nach der Wende wenig. Vor allem befreiten sich die Hochschulen nicht von jenen, die 1968 als "Aktive" hervorgetreten waren. Über ihre Taten beziehungsweise Untaten herrscht Stillschweigen. Heute sind diese Leute zumeist pensioniert oder bereits verstorben, jedoch ihr Geist lebt in vielem und bei vielen weiter. |
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