![]() |
Reisen die tiefer gehen | Anmeldung | Wisent Osteuropafond | Wisent-Startseite Polen verstehen | Kultur und Geschichte | Wir über uns | Literatur und Links| Vertragsbedingungen |
|||||
| Die unichtbare Linie. Wenn Moskau feiert: Das Kriegsende aus osteuropäischer Sicht von Karol Sauerland Die geplanten Feierlichkeiten anläßlich der Beendigung des Zweiten Weltkriegs am 9. Mai in Moskau haben in den neuen EU-Mitgliedsländern Osteuropas eine lebhafte Diskussion darüber ausgelöst, ob der 8. Mai tatsächlich eine Zäsur in der eigenen Geschichte darstellt. Die deutsche Besatzung fand im Osten bekanntlich früher ein Ende, mancherorts bereits im Sommer 1944. Doch wie sah das jeweilige Ende aus? Nehmen wir Polen als Beispiel. Hier hatte sich eine relativ starke Untergrundarmee gebildet, die Armia Krajowa (AK), die "Landes"- oder "Heimatarmee". Sie bekam ihre Befehle von der polnischen Emigrationsregierung in London. Einer der grundlegenden Befehle lautete: der herannahenden Sowjetarmee zu helfen, die Deutschen zurückzuschlagen, um damit zu beweisen, daß sie keine tatenlosen Wirtsleute, sondern vielmehr Herren im eigenen Hause sind. In einer bedeutend schwierigeren Lage würden sich, so folgerte man, die Befehlshaber und die ortsansässige Bevölkerung befinden, deren Gebiet einzig mit Hilfe der Russen von den Deutschen befreit würde. Der Befehlshaber der örtlichen polnischen Streitkräfte hatte die Aufgabe, die Militärführer der sowjetischen Armee zu begrüßen und mit ihnen über die nächsten Schritte, vor allem die Errichtung einer Zivilverwaltung, zu beraten. Dazu kam es jedoch nicht. Statt dessen wurden die Offiziere und Soldaten entwaffnet und aufgefordert, der Roten Armee beziehungsweise den ihr unterstellten volkspolnischen Einheiten beizutreten, das heißt faktisch ihre Idee einer Wiedererrichtung der Republik Polen aufzugeben. Wenn sie dazu nicht bereit waren, wurden sie sofort verhaftet, in Lager geschickt oder ermordet. So verhaftete der NKWD am 17. Juli 1944 den Führungsstab der AK von Wilna. Unter den Verhafteten befanden sich der Kommandant des Südostbezirks, Oberst Aleksander Krzyzanowski, und der Delegierte der Londoner Exilregierung, Stefan Federowicz. Am 26. und 27. Juli 1944 wurde Lemberg von den AK- und sowjetischen Truppen befreit, und noch am selben Tag wurden der Militärstab unter der Führung von Wladyslaw Filipkowski sowie der Delegierte der Londoner Exilregierung, Adam Ostrowski, festgenommen. Eine der Folgen war, daß die Exilregierung den Warschauer Aufstand ohne Benachrichtigung der Moskauer Führung für den 1. August 1944 ausrief, den die Sowjetarmee, auf dem anderen Weichselufer stehend, ausbluten ließ. Der Schriftsteller und Essayist Andrzej Bobkowski dachte im Pariser Exil in seinem Tagebuch immer wieder darüber nach, welches Schicksal Polen bevorsteht, wenn es von der deutschen Besatzung befreit wird. Seine Prognose war eindeutig: Es wird ein furchtbares sein, eine neue Besatzung. Im September 1943 schreibt er: "In Kürze werden sie uns ,befreien', Und sie befreien uns für die nächsten fünfzig Jahre." Es sollten nur fünf Jahre weniger werden. Am 20. Juli 1944 installierte Stalin eine polnische Regierung in Lublin, nachdem er bereits im April 1943 die diplomatischen Beziehungen zur Londoner Exilregierung wegen Katyn abgebrochen und im November desselben Jahres in Teheran den beiden Westalliierten die Anerkennung der sogenannten "Curzon-Linie" abgetrotzt hatte, die in Jalta im Februar 1945 bestätigt wurde. Das entsprach mehr oder weniger der Grenze des Hitler-Stalin-Pakts. Das weitere Schicksal Polens unter faktischer sowjetischer Besatzung ist bekannt. Noch schlimmer sah es in den baltischen Staaten aus, denen im Unterschied zu Polen noch nicht einmal formelle Souveränität zuerkannt wurde. Auch für sie bedeutete das Abkommen von Jalta die abermalige Bestätigung des Hitler-Stalin-Paktes. In Litauen wehrten sich mehrere zehntausend Partisanenkämpfer gegen die erneute sowjetische Besatzung im Jahre 1944. Anfänglich war die Zahl der Gefallenen auf der sowjetischen Seite größer als auf der litauischen. Erst zu Beginn der fünfziger Jahre waren die bewaffneten Gruppierungen völlig zerschlagen. Etwa 120 000 Menschen wurden nach Sibirien deportiert, zirka 186 000 verhaftet, davon kamen über 140 000 in den GULag - und das bei einer Gesamtbevölkerung von nur zwei Millionen Menschen. Ähnlich sah es in den beiden anderen baltischen Staaten aus. Die Empörung darüber, daß dieser Pakt nach wie vor nicht problematisiert wird, ist in den Ländern, die Opfer des Abkommens von Jalta geworden waren, daher mehr als verständlich. Die baltischen Länder konnten sich einzig damit trösten, daß die Vereinigten Staaten deren Usurpation durch die Sowjetunion weder de jure noch de facto jemals akzeptierten. Es war für sie eine eindeutige Verletzung des Völkerrechts. Dies anzuerkennen ist Putin nicht bereit. Eine der Folgen sind die Absagen der Präsidenten Litauens und Estlands, an den Maifeierlichkeiten in Moskau teilzunehmen. Der polnische Präsident Kwasniewski hat seine Teilnahme dagegen zugesagt, was einige Kritik auf sich gezogen hat, zumal er ausgerechnet von Wojciech Jaruzelski begleitet wird. Man erwartet von Kwasniewski allerdings, daß er in seinem Auftreten auf die zweideutige Rolle Rußlands im Zweiten Weltkrieg hinweist. Der Vorsitzende des litauischen Parlaments bat ihn, auch im Namen Litauens zu sprechen. Welche Möglichkeiten er dazu haben wird, bleibt sein Geheimnis. Auch der frühere Außenminister Wladyslaw Bartoszewski hat sich inzwischen gegen eine Teilnahme Kwasniewskis ausgesprochen. Aber wäre es ohne den Hitler-Stalin-Pakt überhaupt zum Zweiten Weltkrieg gekommen? Durch ihn war es ein leichtes, die polnische Armee zu besiegen. Am 17. September 1939 marschierte die Rote Armee in Polen ein und schuf damit ein völliges Durcheinander in den polnischen Verteidigungsstrategien. Deutschland hatte daraufhin nicht nur im Osten den Rücken frei, sondern die Sowjetunion lieferte auch noch wertvolle Rohstoffe und Waffen. Soweit mir bekannt ist, gibt es keine ernsthafte Untersuchung über die Wirkung des Paktes auf die strategischen "Sandkastenspiele" in den obersten Militärkreisen der Westalliierten. Man tut so, als habe dieser Pakt im Westen keine Folgen gehabt. Im Osten herrscht dagegen heute die Meinung - Vitautas Landsbergis, derzeit litauischer Abgeordneter im Europäischen Parlament, sprach es vor kurzem klar aus -, daß die Sowjetunion für die Auslösung des Zweiten Weltkriegs mitverantwortlich ist, wenngleich sie nach dem deutschen Einmarsch am 22. Juni 1941 größte Opfer davontrug und einen wesentlichen Anteil an dem Sieg über Hitlerdeutschland hatte. In Polen und auch in den baltischen Staaten überlegt man, wie man ein Gegengewicht gegen die einseitige Siegesfeier am 9. Mai schaffen könnte, denn man glaubt nicht daran, daß in Moskau irgendeine kritische Stimme wird zu Wort kommen können. Im Europäischen Parlament sammeln einige Abgeordnete Unterschriften für die Einberufung einer Debatte über die Folgen von Jalta; der frühere Dissident Frasyniuk hat ein Treffen derjenigen vorgeschlagen, die zum Zusammenbruch der Jalta-Ordnung beitrugen. Bartolomiej Sienkiewicz, ein Ostexperte, findet, das beste sei, den 25. Jahrestag der Entstehung von Solidarnosc am 31. August 2005 als ein Ereignis zu organisieren, das das Ende von Jalta und damit den Beginn eines freien Europas einleitete. Das ist vielleicht eine vernünftigere Idee als der Versuch, Rußland zu einer kritischen Selbstbesinnung animieren zu wollen, die dazu führen würde, daß es endlich von seinen Sehnsüchten der Dominanz über andere Völker Abschied nähme und sich der Schaffung einer civil society widmete. Der Fall Rußlands ist einfach komplizierter als der anderer Kolonialmächte. Wir haben es hier mit einem kontinentalen Imperialismus zu tun, der spätestens mit Peter dem Großen einsetzt und im Sowjetimperialismus eine weitere Blütezeit erlebte. Der Rückzug aus Übersee scheint einfacher zu sein als der aus der nächsten Umgebung. Wichtig ist auch, daran zu erinnern, daß das Sowjetregime zusammen mit Deutschland die Regelung von Versailles nicht anerkannte, es die Entstehung von selbständigen Staaten kaum zuließ. Man denke an die blutige Unterdrückung der georgischen Unabhängigkeitsbewegung im Jahre 1921; selbst einem Lenin soll das Blutbad zu weit gegangen sein. Das Ganze gipfelte in den Massendeportationen und -morden in der Ostukraine und den mittelasiatischen Gebieten. Anläßlich des 51. Jahrestages der großen Deportation der Inguschen und Tschetschenen im Februar 1944 schrieb die polnische Tageszeitung "Rzeczpospolita" 1995, daß es sich in den Augen der Historiker um die bestorganisierte Operation dieser Art gehandelt habe. Innerhalb von acht Tagen transportierte der NKWD in Güterwagen unter der Aufsicht von Berija, dem Innenminister, und Serow, der später in der Sowjetischen Besatzungszone allen geheimdienstlichen Institutionen vorstehen sollte, 478 479 Menschen (wie Berija an Stalin berichtete) in die kasachischen Steppen und nach Kirgistan. Tausende, vor allem diejenigen, die irgendwie behindert waren, wurden an Ort und Stelle erschossen. Man versuche sich einmal vorzustellen, wie viele Güterwagen, Eisenbahner, Wachhabende zu dieser Aktion nötig waren. Der polnische Historiker Stanislaw Ciesielski nennt 19 000 Sicherheitsbeamte und etwa 100 000 Offiziere und Soldaten der NKWD-Sondereinheiten. Und das alles geschah mitten im Kriege, im Jahre 1944. Ende 1943 waren die Kalmücken und Mitte 1944 die Krimtataren umgesiedelt worden. Polen verlangt seit einigen Wochen energisch die Fortführung der Untersuchung des Mordes an über 20 000 Offizieren in Katyn und Umgebung. Die russische Staatsanwaltschaft betrachtet die Untersuchungen zu Katyn als abgeschlossen, obwohl es nach wie vor offene Fragen gibt. Etwa vierzig Prozent der vorhandenen Dokumente sind als "streng geheim" erneut versiegelt worden. Die Überwindung der dunklen Vergangenheit Rußlands und der Sowjetunion scheint von den Rändern her zu erfolgen: in den ehemaligen sogenannten Satellitenstaaten, im Baltikum und in jüngster Zeit in Georgien und der Ukraine. Es bleibt die Hoffnung, daß der Funke auch einmal ins Innere des einst großen Reiches überspringt, aber das kann auch eine reine Hoffnung bleiben. Demokratie ist ein schweres Unternehmen und braucht Verständnis für die Debatten- und Kompromißkultur, an die der Homo sovieticus ganz und gar nicht gewöhnt ist. Trotz alledem ist die beste Antwort auf Putins Lust am Siegestaumel die Unterstützung all dessen, was an Solidarnosc oder die orange Revolution erinnert. Hier liegt Europas Zukunft beschlossen; diese Art von Erinnerung und Unterstützung schafft die Voraussetzung dafür, daß die Konflikte nicht durch Ignoranz oder sogar wie in Tschetschenien durch Gewalt "gelöst", also in Wahrheit weitergeschürt werden. |
||||||
![]() |
||||||
|
.Seit 15 Jahren bietet Wisent Natur- und Aktivferien mit Schwerpunkt in Mitteleuropa Wisent Reisen Postfach 8114 8036 Zürich Tel. 043 3332525 email: info@wisent.ch
|
||||||